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Was über die Flutwelle in Nepal bekannt ist
Eine riesige Flutwelle hat in Nepal und China mehr als 160 Menschen getötet. Wie kam es zu der Katastrophe? Wie viele Menschen werden noch vermisst? Warum waren so viele Touristen in der Region?
Es ist Mittwochvormittag in Nepal, als das Land von einer riesigen Flutwelle getroffen wird. Mindestens 162 Menschen sterben, Hunderte werden noch vermisst, darunter auch zahlreiche Touristen. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie Häuser, Fahrzeuge und Menschen von den Wassermassen mitgerissen werden. Die Katastrophe ereignete sich im Grenzgebiet zwischen Nepal und der zu China gehörenden Autonomen Region Tibet.
"Es war eine gewaltige Schlammlawine, die direkt auf uns zukam", berichtet Keshav Prasad Baral der Nachrichtenagentur AP. Der 68-Jährige hat die Flutwelle überlebt. "Als ich sah, wie sie in unser Haus eindrang, versuchte ich, die Hand meiner Frau zu ergreifen und sie auf die Terrasse zu bringen. Doch sie wurde von den Schlammmassen mitgerissen“, berichtet er. "Vier oder fünf Stunden später kam ein Hubschrauber, um mich zu retten. Meine Frau liegt noch immer irgendwo unter dem Schlamm. Sie ist tot."
Was die Flutwelle auslöste, wird noch untersucht. Die nepalesische Katastrophenschutzbehörde vermutet nach ersten Analysen von Satellitenbildern, eine Gletscherlawine könnte in einen Fluss gestürzt sein. Dadurch habe sich ein vorübergehender See gebildet, der anschließend über die Ufer getreten sei. Eine Flutwelle aus Wasser, Eis und Geröll habe dann flussabwärts die Schäden verursacht.
Auch Klimaexperten des in Kathmandu ansässigen International Centre for Integrated Mountain Development (Icimod) vermuten einen Gletscherabbruch in den Fluss Lhende Khola als Ursache. So sei eine plötzliche Flutwelle entstanden, sagte Icimod-Experte Saswata Sanyal. Der Lhende Khola mündet in den Fluss Bhotekoshi, der am Morgen über die Ufer trat.
Der kanadische Geomorphologe Dan Shugar von University of Calgary in Kanada stützt im Spiegel die These des Gletscherabbruchs. Aktuelle Satellitenbilder der Region zeigen aus seiner Sicht, dass ein Gletscher an einem Flusstal östlich des Grenzübergangs Gyirong kollabiert ist. Der Gletscher liege in 5.200 Meter Höhe, wo er sich über eine Felskante schiebe. Dort sei er offenbar abgebrochen und mehr als einen Kilometer weit zum Talboden gestürzt. Womöglich habe das zuletzt warme Wetter in der Gegend eine Rolle gespielt.
In ersten Äußerungen hatte Nepals Außenminister Shisir Khanal noch von einem Erdbeben als mögliche Ursache gesprochen. Dazu passt: Die US-Erdbebenwarte USGS hatte ein Beben der Stärke 4,4 an der Grenze zwischen Nepal und China gemeldet. USGS stellte inzwischen aber klar, dass es sich bei der Erschütterung nicht um ein Erdbeben handelte. Offenbar war der Erdrutsch so stark, dass er eine seismische Wirkung erzeugte.
Die Himalaya-Region, zu der Nepal gehört, erwärmt sich Wissenschaftlern zufolge schneller als der Rest der Welt. Dadurch nehmen Regenfälle in der Gegend zu und die Gletscher schmelzen immer schneller ab.
Die Such- und Rettungsarbeiten laufen auf Hochtouren. Die nepalesische Armee setzte Hubschrauber und Rettungstrupps in der Katastrophenregion ein. "Ganze Dörfer und Märkte sind von der Karte ausradiert", sagte David Fisher von der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC). Die Organisation lieferte eigenen Angaben zufolge Hilfsgüter, darunter Decken, Erste-Hilfe-Sets, Tragen und Leichensäcke.
Mehr als 650 ausländische Touristen werden in Nepal und China vermisst. Der Sprecher des nepalesischen Tourismusministeriums, Suraj Ghimire, sagte der Nachrichtenagentur AFP, zu etwa 468 Reisenden bestehe derzeit kein Kontakt, darunter 75 Nepalesen. In China berichtete der Staatssender CCTV, unter den insgesamt 558 Vermissten in Tibet seien 260 Ausländer.