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Aborigines malten zu Beginn der Kolonialzeit riesige Ahnenwesen
Mehr als sechs Meter lange Regenbogenschlangen, lebensgroße Tiere und gewaltige Menschenfiguren prägen jüngere Felskunst im nordaustralischen Awunbarna. Eine neue Analyse deutet die auffällige Größensteigerung im 19. und 20. Jahrhundert als kulturelle Antwort auf den tiefgreifenden Wandel nach dem europäischen Kontakt. Die Datierung bleibt allerdings bei vielen Motiven indirekt.
Gold Coast (Australien). In den Felsunterständen von Awunbarna im westlichen Arnhem Land überlagern sich Bilder aus sehr unterschiedlichen Zeiten. Gerade die jüngeren Darstellungen fallen durch ihre Dimensionen auf: Neben großen Tieren erscheinen dort mächtige Ahnenwesen, vor allem Regenbogenschlangen. Das Muster könnte mehr sein als eine Veränderung des Malstils.
Die neue Studie untersucht, ob die ungewöhnliche Größe mit den Umbrüchen der Kontaktzeit zusammenhängt. Im späten 19. Jahrhundert erreichten koloniale Eingriffe auch diese Region, unter anderem durch die Büffeljagd. Die Autoren deuten die riesigen Motive deshalb als mögliche visuelle Bekräftigung von Tradition, Landbezug und kultureller Autorität in einer Phase raschen Wandels.
Seit 2018 hat das Team gemeinsam mit dem Amurdak-Traditional-Owner Charlie Mungulda 165 Felskunststätten in Awunbarna dokumentiert und dabei besonders Darstellungen aus der Zeit nach dem europäischen Kontakt untersucht. Unter den jüngeren Motiven finden sich etwa zwei Meter lange Pythons, lebensgroße Krokodile und Kängurus sowie übergroße menschliche Figuren.
Besonders auffällig sind die Regenbogenschlangen. Die Forscher erfassten 29 Darstellungen an 21 Fundorten. Eine der Schlangen zieht sich am Fundort AW5 über mehr als sechs Meter durch einen Felsunterstand. Sie besitzt einen krokodilähnlichen Kopf, Zähne, flossenartige Elemente und innere Körperdetails im Röntgenstil. Hinzu kommen eine mehr als zwei Meter lange Menschenfigur, eine seltene Wal-Darstellung und eine 124 Meter lange Steinsetzung, deren Form an eine Regenbogenschlange erinnert.
Das Alter der großen Bilder lässt sich nicht einfach mit einer einzigen Methode bestimmen. Viele Motive können nicht direkt radiometrisch datiert werden. Das Team stützt seine zeitliche Einordnung deshalb unter anderem auf Übermalungen, Bildstil, Motivkombinationen und Pigmente. Mehrere jüngere Darstellungen liegen über älterer Felskunst.
Ein weiteres Indiz ist weiße Pfeifenerde beziehungsweise Kaolin. Anders als roter Ocker dringt dieses Material weniger stark in die Felsoberfläche ein und bleibt dort nicht über vergleichbar lange Zeiträume erhalten. Zusammen mit der Schichtenfolge und dem Bildinhalt spricht dies nach Ansicht der Autoren dafür, dass ein erheblicher Teil der besonders großen Motive aus der Kontaktzeit stammt.
Awunbarna war zugleich ein wichtiger Begegnungsraum verschiedener indigener Sprachgruppen. Handel, Zeremonien und soziale Treffen brachten Menschen aus benachbarten Gebieten zusammen. Genau dort konnten weithin sichtbare Darstellungen mächtiger Ahnenwesen eine besondere Wirkung entfalten. Regenbogenschlangen spielen in den Überlieferungen der Region eine zentrale Rolle und sind eng mit Schöpfung, Wandel, Regeln und Zeremonien verbunden.
Die Studie interpretiert die monumentalen Bilder daher nicht als bloße Reaktion auf neue europäische Motive. Vielmehr könnten die Künstler bewusst eigene kulturelle Kräfte in den Vordergrund gerückt haben. Dafür spricht auch, dass große Tier- und Ahnenfiguren teils über oder neben Darstellungen europäischer Schiffe und Schusswaffen erscheinen. Die alte Bildsprache blieb damit nicht unverändert, sondern wurde in einer neuen historischen Lage auffällig vergrößert und neu eingesetzt.
Die Deutung bleibt dennoch eine archäologische Rekonstruktion. Aus Größe, Überlagerung und kulturellem Kontext lässt sich nicht direkt ablesen, welche Absicht einzelne Künstler verfolgten. Auch die Datierung vieler Bilder beruht auf mehreren indirekten Hinweisen statt auf einem exakten Kalenderdatum.