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Neurotech-Gefahren: Droht uns die schleichende „Oblomowisierung“?
Neurotechnologien versprechen Heilung bei Schlaganfällen und Depressionen. Doch Experten warnen vor den Risiken kommerzieller Nutzung und Manipulation.
Charité-Professor Surjo Soekadar verdeutlichte auf der Bonner ZMDT-Tagung die enorme weltweite Krankheitslast durch neurologische und psychiatrische Erkrankungen wie Schlaganfall, Depressionen und Alzheimer und dass es dringend Investitionen in die Forschung in Europa braucht.
Neurotechnologien versprechen Heilung bei Schlaganfällen, Depressionen und Lähmungen – ein Bereich, der Digital Health grundlegend verändert. Auf der ZMDT-Tagung in Bonn betonte der Berliner Neurotechnologe und Psychiater Prof. Surjo Soekadar das enorme Potenzial von Brain-Computer-Interfaces (BCI), warnte aber zugleich vor den Risiken einer kommerziellen Massenanwendung durch globale Tech-Giganten. Ein Milliardenmarkt locke derzeit gigantische Summen an Wachstumskapital an, vor allem aus den USA und China.
Wie dringlich neuartige Behandlungsansätze sind, verdeutlichte Soekadar anhand der globalen Krankheitslast: Erkrankungen des Nervensystems – von Schlaganfällen über Migräne und Demenzen bis hin zu Depressionen und Angststörungen – betreffen weltweit Hunderte Millionen Menschen und führen zu gigantischen Zahlen an verlorenen gesunden Lebensjahren (DALYs).
In seinem Vortrag zeigte Soekadar, wie moderne Neurotechnologie das Gehirn nicht nur auslesen, sondern aktiv verändern kann. Technisch reicht das Spektrum der Signalmessung von nicht-invasiven Verfahren wie der Elektroenzephalografie (EEG), Magnetenzephalografie (MEG), Nahinfrarotspektroskopie (fNIRS) und funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) bis hin zu invasiven Implantaten unter der Schädeldecke.
An der Charité setzen Forschende vor allem auf nicht-invasive Verfahren, um Risiken wie Gehirnentzündungen oder Gewebeschäden zu vermeiden, die mit Implantaten wie denen von Elon Musks Unternehmen Neuralink einhergehen. Gleichzeitig verdeutlichte Soekadar das medizinische Spektrum anhand konkreter Behandlungsbeispiele, etwa ALS-Patienten, deren Gedanken Implantate in Sprache übersetzen und die teilweise sogar ihre eigene Stimme zurückerhalten.
Mithilfe von BCI-gesteuerten Exoskeletten und gezieltem Training gelang es den Berliner Forschenden, Schlaganfallpatienten selbst Jahrzehnte nach dem Ereignis verloren geglaubte Handfunktionen zurückzugeben. Die Kombination aus Gedankensteuerung und mechanischer Rückkopplung löse im Nervensystem eine neuronale Reorganisation aus: „Durch die Interaktion mit der Maschine entwickelt sich eine Plastizität, die einen nachhaltigen Erholungseffekt hat.“ Ähnliche Effekte zeigten sich bei Rückenmarksstimulationen, die Querschnittsgelähmten wieder das Gehen ohne Krücken ermöglichten.
Auch bei psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, Alzheimer oder Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) eröffnet die gezielte Neuromodulation völlig neue Wege. Soekadar zeigte am Beispiel einer schwer depressiven Patientin in Stanford, wie sich eine Überaktivität des Mandelkerns (Amygdala) gezielt dämpfen lässt. Sobald die Amygdala überreagierte, löste ein Closed-Loop-System eine kurze Stimulation des ventralen Striatums aus, wodurch die Amygdala-Aktivität unterdrückt wurde und die Depressionswerte innerhalb einer Woche halbiert wurden.
Über die Überlagerung hochfrequenter elektrischer Felder (temporale Interferenz) gelang es zudem, den Tremor bei einem Parkinson-Patienten durch gezielte Pulse tagelang zu durchbrechen. Selbst die Kombination von Neurotechnologie mit psychedelischen Substanzen wie Psilocybin wird erprobt, um neuronale Plastizität und Entropie gezielt für therapeutische Prozesse zu erhöhen.
Das Potenzial der Technologie beschränkt sich jedoch längst nicht mehr auf die Medizin. Experten prognostizieren allein in den USA ein BCI-Marktpotenzial von rund 400 Milliarden US-Dollar. Das Geld fließe laut Soekadar längst nicht mehr nur in kleine Universitäts-Start-ups, sondern in dreistelligen Millionenbeträgen in