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Konformitätsdruck: Ist eine einstimmige Gruppe wirklich am glaubwürdigsten?
Einigkeit wirkt überzeugend, doch sie kann täuschen: Ein Bayes-Modell zeigt, dass bei Konformitätsdruck eine fast einstimmige Gruppe verlässlicher sein kann als eine völlig einstimmige. Entscheidend ist der Schwierigkeitsgrad der Entscheidung. Etwas Widerspruch ist damit kein Störsignal, sondern kann anzeigen, dass individuelle Informationen in der Gruppe nicht vollständig vom Gruppentrend überlagert werden.
Toulouse (Frankreich). Wenn viele Experten dieselbe Entscheidung treffen, erscheint sie meist besonders vertrauenswürdig. Denn je stärker eine Gruppe übereinstimmt, desto weniger wahrscheinlich wirkt ein gemeinsamer Fehler. Diese Intuition stimmt in einem idealisierten Bayes-Modell tatsächlich, solange die Gruppenmitglieder ihre privaten Hinweise und die Entscheidungen anderer ohne zusätzlichen Konformitätsdruck gewichten.
Doch Gruppenmitglieder entscheiden nicht immer unabhängig. Beim sogenannten Konformitätsbias passen Menschen oder andere soziale Lebewesen ihr Urteil an die Mehrheit an, auch wenn eigene Informationen in eine andere Richtung weisen. Forscher der Université de Toulouse (UT) um Alfonso Pérez-Escudero haben mathematisch untersucht, wie stark dieser Effekt die Aussagekraft von Einigkeit verändern kann. Im Modell beurteilt ein Außenstehender die Zuverlässigkeit einer Gruppe anhand ihres Einigkeitsgrads.
Als Ausgangspunkt betrachtete das Team ein Bayes-Modell ohne Konformitätsbias. Die einzelnen Entscheider kombinieren darin private Informationen mit sozialen Hinweisen aus den Entscheidungen der anderen. Unter diesen idealisierten Bedingungen steigt die Wahrscheinlichkeit einer richtigen Mehrheitsentscheidung kontinuierlich mit dem Grad der Übereinstimmung. Vollständige Einigkeit ist dann tatsächlich das stärkste Signal für eine verlässliche Gruppe.
Diese Beziehung entspricht der naheliegenden Erwartung: Wenn unabhängige Hinweise in dieselbe Richtung zeigen, spricht zunehmende Übereinstimmung für eine richtige Entscheidung. Genau diese Schlussfolgerung wird jedoch problematisch, sobald die Entscheidungen der Gruppenmitglieder nicht mehr nur Information widerspiegeln, sondern zusätzlich den Wunsch, sich der Mehrheit anzuschließen.
In den erweiterten Modellen ließ das Team deshalb unterschiedliche Grade von Konformität zu. Dann war Einstimmigkeit nicht mehr automatisch mit der höchsten Zuverlässigkeit verbunden. Die verlässlichsten Gruppen zeigten häufig eine starke Übereinstimmung, erreichten aber keinen vollständigen Konsens. Moderate Abweichung konnte damit zum Hinweis darauf werden, dass die Gruppenentscheidung weniger stark durch bloßes Mitlaufen geprägt war.
Die Autoren bezeichnen dieses Muster als glaubwürdigkeitssteigernden Dissens. Gemeint ist nicht, dass Widerspruch eine Entscheidung von selbst besser macht. Entscheidend ist vielmehr die Information, die im Grad der Einigkeit steckt. Wenn Konformität hohe Zustimmung erzeugen kann, verliert Einstimmigkeit einen Teil ihres Werts als äußeres Gütesignal. Etwas Dissens kann dann mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine richtige Mehrheitsentscheidung zusammenfallen.
Der Befund ist ein Ergebnis mathematischer Modellierung und kein Nachweis, dass reale Gruppen mit etwas Widerspruch grundsätzlich bessere Entscheidungen treffen. Das Modell zeigt vielmehr, unter welchen Annahmen der vertraute Zusammenhang zwischen Einigkeit und Zuverlässigkeit brechen kann. Bei einfachen Entscheidungen bleibt hohe Übereinstimmung eher ein gutes Signal, während der gegenteilige Effekt vor allem bei anspruchsvolleren Entscheidungen möglich wird.
Für die Bewertung von Expertenräten, Gremien oder anderen Gruppen folgt daraus vor allem eine Warnung vor einer zu einfachen Heuristik. Ein einstimmiges Ergebnis kann auf starke gemeinsame Evidenz hindeuten, es kann aber auch dadurch entstehen, dass soziale Anpassung unabhängige Urteile angleicht. Der Grad der Zustimmung allein reicht deshalb nicht immer aus, um die Qualität einer Gruppenentscheidung von außen zu beurteilen.