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Klimawandel kann Erdbebenfolgen in der Arktis verstärken
Verstärkte Naturgefahr: Ein Erdbeben der Stärke 6,5 löste 2025 auf Jan Mayen eine gewaltige Felslawine aus und brachte zugleich einen Nachbargletscher zum Kalben. Analysen deuten darauf hin, dass langfristige Erwärmung und tauender Permafrost den Vulkanhang zuvor geschwächt hatten. Der Zusammenhang ist plausibel, aber nicht direkt am Hang gemessen.
Kiel (Deutschland). Erdbeben sind auf Jan Mayen nichts Ungewöhnliches. Die Vulkaninsel liegt an einer aktiven Bruchzone des Mittelatlantischen Rückens und wird immer wieder erschüttert. Doch nach dem Beben vom 10. März 2025 geschah etwas, für das 40 Jahre Satellitenbilder keinen vergleichbaren Fall zeigen: Oberhalb des Kjerulf-Gletschers brach ein steiler Hang ab und schickte eine massive Gerölllawine über das Eis.
In arktischem Fels kann Permafrost eine wichtige Stütze sein. Gefrorenes Wasser füllt Klüfte und wirkt dort ähnlich wie ein Bindemittel. Erwärmt sich der Untergrund und taut das Eis, können diese Verbindungen an Festigkeit verlieren. Ein Erdbeben muss dadurch nicht stärker werden. Seine Erschütterungen können an einem bereits geschwächten Hang aber leichter einen Kollaps auslösen.
Ein internationales Team mit Erstautor Dr. Guilherme W. S. de Melo vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (GEOMAR) hat das Ereignis mit mehreren voneinander unabhängigen Messmethoden rekonstruiert. Dazu gehörten lokale und regionale Erdbebendaten, Modelle der Bodenerschütterung, hochaufgelöste Satellitenbilder, Infraschallmessungen sowie Wetter- und Klimadaten.
„Dieses Erdbeben von 2025 ist ein herausragendes Beispiel für eine Kettenreaktion von Naturgefahren“, sagt Guilherme W. S. de Melo.
Das Beben erreichte eine Magnitude von 6,5 und lag nach der Rekonstruktion rund 18 Kilometer tief. Etwa dreieinhalb Minuten später löste sich an einer Felswand knapp sieben Kilometer vom Epizentrum entfernt eine Lawine aus fast einer Million Kubikmetern Gestein. Der Schutt stürzte rund 800 Meter ab, lief etwa 2,3 Kilometer bis zur Küste und bedeckte schätzungsweise 30 bis 50 Prozent der Oberfläche des Kjerulf-Gletschers.
Auch der benachbarte Weyprecht-Gletscher reagierte auf die Erschütterung. Radarsatelliten zeigten wenige Stunden später frisch abgebrochene Eisblöcke vor seiner Küstenfront. Damit setzte ein einzelnes Erdbeben gleich mehrere Prozesse in Gang, von der Hanginstabilität bis zum Kalben von Gletschereis.
Warum der Fels gerade 2025 so großflächig versagte, lässt sich nicht allein mit der Stärke des Bebens erklären. Die Region ist seismisch aktiv, frühere Erschütterungen hatten auf den Satellitenbildern jedoch keine vergleichbare Lawine hinterlassen. Zugleich zeigen ältere Aufnahmen kleinere Abbrüche an derselben Felswand in den Jahren 2017, 2019, 2023 und 2024. Der Hang war demnach schon vor dem Hauptstoß in Bewegung.
Die Klimadaten passen zu dieser Entwicklung. Nach einer Auswertung der Wetterreihe stieg die mittlere Jahrestemperatur auf Jan Mayen seit 1970 um gut zwei Grad Celsius. Seit 2000 lagen 24 von 26 Jahresmitteln über null Grad. Solche langfristigen Veränderungen können Permafrost in steilen Felswänden abbauen und damit die stabilisierende Wirkung des Eises in Gesteinsklüften schwächen.
Direkt bewiesen ist dieser Mechanismus am Abbruchhang jedoch nicht. Dort wurde die Permafrosttemperatur nicht gemessen. Die verwendete Wetterstation liegt rund 28 Kilometer entfernt und etwa 800 Meter tiefer. Auch eine nach dem Beben beobachtete Verringerung der seismischen Wellengeschwindigkeit um rund sieben Prozent wurde an Messstationen registriert und nicht unmittelbar in der betroffenen Felswand.