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Psychiater stellen bei identischen Fällen oft abweichende Diagnosen
Unsichere Einordnung trotz fester Kriterien: Wenn zwei Ärzte in der Erwachsenenpsychiatrie denselben standardisierten Fall beurteilen, wählen sie nur in rund 55 Prozent der Fälle dieselbe Diagnose. Eine internationale Studie mit 1.038 Ärzten zeigt besonders große Abweichungen bei Schizophrenie-Spektrum-Fällen. Die Unterschiede folgten dabei systematischen Mustern und waren nicht allein durch Berufserfahrung erklärbar.
Kopenhagen (Dänemark). Psychiatrische Diagnosen sollen Ärzten ein gemeinsames Raster geben, damit ähnliche Beschwerden möglichst gleich eingeordnet und behandelt werden. Seit den großen Vergleichsstudien der 1970er-Jahre wurden dafür standardisierte Kriterien und regelbasierte Diagnosesysteme eingeführt. Doch wie zuverlässig Ärzte dieselben Symptome heute tatsächlich derselben Störung zuordnen, ist weiterhin umstritten.
Die Frage betrifft nicht nur einzelne Patienten, denn wenn dieselben Symptome je nach Arzt unterschiedliche Diagnosen erhalten, kann das auch Studien verzerren, die Teilnehmer nach psychiatrischen Krankheitsbildern auswählen. Eine neue internationale Untersuchung hat deshalb geprüft, wie stark die Urteile unter kontrollierten Bedingungen übereinstimmen.
Forscher des University Hospital of Copenhagen um Mateo Boberg haben dafür 1.038 Ärzte aus der Erwachsenenpsychiatrie in 19 Ländern Europas und Südamerikas befragt. Darunter waren 639 Fachärzte für Psychiatrie, 282 Ärzte in psychiatrischer Weiterbildung und 117 weitere Ärzte in der Erwachsenenpsychiatrie. Jeder Teilnehmer erhielt zufällig zwei von neun schriftlichen Fallbeschreibungen und sollte jeweils eine Diagnose nach ICD-10 auswählen.
Insgesamt kamen so 1.902 diagnostische Beurteilungen zusammen, wobei der statistische Übereinstimmungswert Krippendorffs Alpha bei 0,48 lag. Nach der Einordnung der Autoren entspricht dies einer Übereinstimmung von rund 55 Prozent. Die Berufserfahrung erklärte die Unterschiede nicht: Weder zwischen den drei ärztlichen Gruppen noch zwischen verschiedenen Erfahrungsstufen fanden die Forscher signifikante Abweichungen der diagnostischen Zuverlässigkeit.
„Unsere Studie zeigt, dass zwei Psychiater, die denselben Patienten diagnostizieren, nur in 55 Prozent der Fälle übereinstimmen. Wir halten das für besorgniserregend niedrig. Tatsächlich liegt dieser Wert ähnlich niedrig wie in einigen Studien aus den 1970er-Jahren, die damals überhaupt erst den Anstoß zur Entwicklung standardisierter Diagnosekriterien gaben“, sagt Professorin Julie Nordgaard von der University of Copenhagen (UCPH).
Besonders schwer fiel die Einordnung bei Fällen aus dem Schizophrenie-Spektrum. Für drei Fallbeschreibungen mit der Referenzdiagnose Schizophrenie stimmten 37, 43 beziehungsweise 54 Prozent der Beurteilungen mit der zuvor festgelegten Vergleichsdiagnose überein. Bei einem Fall mit schizotypischer Störung waren es 38 Prozent. Deutlich höher lagen die Werte bei einem bipolaren Fall mit 94 Prozent und bei einem Fall mit Zwangsstörung mit 92 Prozent.
Diese Referenzdiagnosen waren keine unfehlbare „Wahrheit“, sondern von erfahrenen Psychiatern anhand der ICD-10-Kriterien als bestmögliche Vergleichspunkte festgelegt und unabhängig von der eigentlichen Messung der Übereinstimmung verwendet worden. Auffällig war vor allem, dass die Abweichungen nicht beliebig verteilt waren und Schizophrenie-Fälle beispielsweise häufig als Zwangsstörung, Persönlichkeitsstörung oder bipolare Störung eingeordnet wurden.
„Das sind keine zufälligen Fehler. Die Meinungsverschiedenheiten folgen einem klaren Muster. Das spiegelt wahrscheinlich wider, dass die diagnostischen Kategorien nicht so klar abgegrenzt sind, wie wir angenommen haben, wenn erfahrene Psychiater dieselben Symptombilder so unterschiedlich interpretieren können“, erklärt Mateo Boberg.
Nach Ansicht der Autoren könnte dabei eine Rolle spielen, welche Symptome Ärzte in komplexen Fällen besonders stark gewichten. So können etwa Zwangsgedanken bei verschiedenen Störungen auftreten. In den untersuc