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Wie einig sind sich Physiker bei den größten offenen Rätseln?
Wie einig sind sich Fachleute über die größten offenen Fragen der Physik? Eine Online-Umfrage mit 1.675 Teilnehmenden zeigt ein stark zersplittertes Bild. Nur wenige Antwortoptionen erreichen überhaupt eine Mehrheit, und bei Dunkler Materie, Dunkler Energie, Quantenmechanik und Quantengravitation verteilen sich die Stimmen auf viele konkurrierende Erklärungen.
Waterloo (Kanada). Lehrbücher müssen komplexe Forschungsfelder verdichten und stellen deshalb häufig eine bevorzugte Erklärung in den Vordergrund. Bei offenen Grundfragen kann daraus leicht der Eindruck entstehen, es gebe unter Physikern bereits einen breiten Konsens, obwohl mehrere Modelle weiter ernsthaft diskutiert werden. Eine neue Befragung macht sichtbar, wie weit die Ansichten bei einigen dieser Probleme tatsächlich auseinanderliegen.
Die Zahlen sind allerdings keine Abstimmung über die Naturgesetze. Sie zeigen, welche Antworten die Teilnehmenden für plausibel halten. Weil die Befragung offen im Internet zugänglich war und keine Zufallsstichprobe aller Physiker darstellt, lässt sich aus ihr auch keine präzise Verteilung der Meinungen in der gesamten Fachwelt ableiten.
Für die sogenannte Big Mysteries Survey wurden zwischen dem 28. Juli und dem 9. September 2025 zehn Fragen zu Kosmologie, Schwarzen Löchern, Quantenmechanik und Quantengravitation gestellt. Insgesamt gingen 1.675 Antworten ein. Prof. Niayesh Afshordi von der University of Waterloo (UW) hat die Auswertung mit drei Mitautoren vorgenommen. Sie liegt bislang als Forschungs-Preprint vor und ist damit noch nicht fachbegutachtet.
Die Zusammensetzung der Gruppe ist für die Interpretation wichtig. Die Teilnehmenden kamen aus der Leserschaft eines Physikmagazins und aus dem Mitgliederkreis der American Physical Society (APS). Etwas mehr als ein Fünftel bezeichnete sich als wissenschaftlich interessiert, während die übrigen sich verschiedenen Forschungsgebieten zuordneten. Die Autoren beschreiben ihre Ergebnisse deshalb selbst als große Momentaufnahme und nicht als repräsentative Schätzung für alle Physiker.
Am deutlichsten ist das Ergebnis beim Urknall. 68,4 Prozent verstehen den Big Bang als Entwicklung des Universums aus einem heißen, dichten Zustand, ohne daraus einen absoluten Anfang der Zeit abzuleiten. Nur bei dieser Frage erhielt eine einzelne Antwort mehr als zwei Drittel der Stimmen. Für die kosmische Inflation als Erklärung wichtiger Rätsel des frühen Universums entschieden sich 50,8 Prozent und damit nur knapp mehr als die Hälfte.
Bei Dunkler Materie verteilt sich die Zustimmung deutlich breiter. 20,6 Prozent favorisieren eine Mischform aus mehreren vorgeschlagenen Erklärungen, 17,4 Prozent leichte Teilchen wie Axionen und 10,0 Prozent schwere Teilchen wie WIMPs. Modifizierte Gravitation und Quantengravitation kommen einzeln auf 11,5 beziehungsweise 10,1 Prozent. Fasst man die ausdrücklich genannten Dunkle-Materie-Kandidaten zusammen, erreichen sie zwar 53,4 Prozent, doch kein einzelner Kandidat dominiert.
Ähnlich offen ist die Frage nach der beschleunigten Expansion des Universums. Eine zeitlich veränderliche Dunkle Energie liegt mit 25,9 Prozent knapp vor einer konstanten kosmologischen Konstante mit 24,0 Prozent. Das ist kein empirischer Gegenbeweis gegen das kosmologische Standardmodell. Die Zahlen zeigen lediglich, dass unter den Befragten keine einzelne Deutung dieser Komponente eine Mehrheit besitzt.
Auch bei anderen Grundfragen bleibt das Feld fragmentiert. Die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik ist mit 35,7 Prozent die häufigste benannte Interpretation, bleibt aber weit unter einer Mehrheit. Bei der Quantengravitation erhält sogar die Antwort „keine Meinung“ mit 28,7 Prozent den größten Anteil. Die Stringtheorie ist mit 18,9 Prozent die am häufigsten gewählte konkrete Theorie, gefolgt von der Aussage, Gravitation sei nicht quantisiert, mit 17,7 Prozent.
Die Befragung zeigt damit vor allem, wie vorsichtig der Begriff Konsens bei ungelösten Problemen verwendet werden muss. Sie