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Elefanten könnten gezielt Heilpflanzen nutzen
Tierische Apotheke: Wildlebende Elefanten am Mount Elgon in Kenia scheinen bei Beschwerden gezielt bestimmte Pflanzen zu suchen. Acht erfahrene Sabaot-Experten berichteten von 35 möglicherweise medizinisch genutzten Pflanzenarten, darunter auch Pflanzen, die Mütter ihren Kälbern geben sollen. Direkte Verhaltensbelege fehlen jedoch bislang.
Hamburg (Deutschland). Dass Tiere natürliche Wirkstoffe nutzen können, ist aus mehreren Tiergruppen bekannt, doch bei Elefanten gibt es bislang nur wenige systematische Untersuchungen, besonders bei wildlebenden afrikanischen Populationen. Am kenianischen Mount Elgon kommen dazu außergewöhnlich gute Langzeitbeobachtungen lokaler Gemeinschaften, die die Tiere und ihre Pflanzenwelt seit Jahrzehnten kennen.
Diese Erfahrungen liefern nun Hinweise auf ein breiteres medizinisches Repertoire der Elefanten. Entscheidend ist dabei die Einschränkung: Die neue Arbeit dokumentiert Berichte erfahrener Beobachter und verknüpft sie mit botanischen und pharmakologischen Daten, beweist aber nicht, dass die Tiere die Pflanzen bewusst wegen einer Heilwirkung auswählen.
Forscher des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) um Dr. Fabien Schultz haben dafür acht lokale Experten aus der indigenen Sabaot-Gemeinschaft befragt. Alle hatten mehr als 20 Jahre Erfahrung mit den Elefanten der Region. In halbstrukturierten Interviews schilderten sie auffällige Fressweisen, Krankheitssymptome und traditionelle medizinische Anwendungen derselben Ressourcen durch Menschen.
Von allen genannten Pflanzen sammelte das Team Belegexemplare und ließ sie im Ostafrikanischen Herbarium in Nairobi botanisch bestimmen. Anschließend ordneten die Forscher die Berichte nach einem fünfstufigen Schema für tierische Selbstmedikation ein. Zusätzlich verglichen sie häufig genannte Pflanzen mit der wissenschaftlichen Literatur zu traditionellen Anwendungen und bekannten pharmakologischen Eigenschaften.
Insgesamt nannten die Befragten 39 natürliche Ressourcen, darunter 35 Pflanzenarten aus 23 Familien sowie vier Böden, Mineralien oder Tone. 34 dieser 39 Ressourcen, also 87 Prozent, werden nach Angaben der Experten auch von Menschen in der Region medizinisch genutzt, während die Befragten 25 Pflanzen ausdrücklich als Medizin für Elefanten bezeichneten.
Besonders aussagekräftig waren acht Pflanzen, die das Team als sogenannte Mode-4-Ressourcen einordnete. Dazu gehören unter anderem Aloe arborescens, Bersama abyssinica und Ficus natalensis. Für diese Pflanzen berichteten die Informanten von kranken oder verletzlichen Tieren, die sie für einen bestimmten vermuteten Zweck fraßen, oder von Elefantenmüttern, die Pflanzenmaterial an ihre Kälber weitergaben.
Mehrere Berichte schilderten zudem Elefanten, die über längere Strecken gezielt zu einem bestimmten Baum liefen, ohne unterwegs zu fressen. Solche Beobachtungen sprechen eher für selektives als für zufälliges Fressen, liefern aber noch keinen direkten Nachweis einer bewussten Selbstbehandlung. Auch der mögliche medizinische oder immunisierende Nutzen des von Müttern an Kälber gegebenen Pflanzenmaterials ist bislang nicht belegt.
Ein wichtiger Gegenbefund betrifft das bekannte Aufnehmen mineralreicher Erde in den Höhlen des Mount Elgon. Alle acht Experten bestätigten dieses Verhalten, deuteten es aber vor allem als Aufnahme von Mineralstoffen. Die vier genannten Boden-, Mineral- und Tonressourcen wurden von ihnen nicht als Elefantenmedizin bezeichnet.
Die Studie stützt sich bewusst auf lokales ökologisches Wissen, weil viele seltene Verhaltensweisen im dichten Lebensraum nur schwer direkt zu beobachten sind. Zugleich kann genau dieses Wissen die Interpretation beeinflussen, weil die Befragten viele der Pflanzen selbst aus der traditionellen Medizin kennen. Deshalb verstehen die Autoren ihre Ergebnisse als Ausgangspunkt für gezielte Verhaltensbeobachtungen und experimentelle Untersuchungen.