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315.000 Jahre alter Homo sapiens bekommt ein digitales Gesicht
Fossilien aus Jebel Irhoud in Marokko gehören zu den ältesten bekannten Überresten, die Homo sapiens zugeschrieben werden. Ein Forschungsteam hat aus den rund 315.000 Jahre alten Funden nun ein digitales Gesicht angenähert. Die Rekonstruktion ist anatomisch gebunden, zeigt aber keinen einzelnen Menschen und enthält bei Haut, Haar und Bart bewusst spekulative Elemente.
Pavia (Italien). Die Funde von Jebel Irhoud veränderten 2017 das Bild von der frühen Entwicklung unserer Art und rückten die ältesten bekannten Homo-sapiens-Fossilien auf ein Alter von rund 315.000 Jahren zurück. Ihr Gesichtsschädel wirkte bereits vergleichsweise modern, während die Form des Hirnschädels noch deutlich von heutigen Menschen abwich.
Die neue Arbeit setzt bei dieser ungewöhnlichen Merkmalskombination an und rekonstruiert nicht die exakte Erscheinung eines bestimmten Menschen, sondern nähert ein mögliches Gesicht auf Basis eines digitalen Kompositschädels an. Gerade diese zusammengesetzte Grundlage bestimmt, wie die Bilder wissenschaftlich zu verstehen sind.
Forscher der Universiti Sains Malaysia (USM) um Dr. Johari Yap Abdullah haben dafür einen dreidimensionalen Schädel verwendet, der aus mehreren Funden derselben archäologischen Schicht zusammengesetzt ist. Den größten Anteil liefert Irhoud 1 mit Hirnschädel und oberem Gesicht, während der Unterkiefer von Irhoud 11 stammt und Teile des Oberkiefers sowie der Zahnreihen mit Irhoud 10, Irhoud 21 und Irhoud 22 ergänzt wurden.
Die Stücke stammen damit zwar aus derselben Fundschicht und derselben frühen Population, aber nicht von einem einzigen Individuum. Das digitale Gesicht ist folglich kein Porträt einer konkreten Person, sondern zeigt, welche Gesichtsform sich aus der kombinierten Anatomie dieser Fossilien ableiten lässt.
Als Ausgangsmaterial nutzte das Team Bilder und Videos einer bereits 2017 veröffentlichten digitalen Schädelrekonstruktion und erzeugte daraus per Fotogrammetrie erneut ein dreidimensionales Modell. Anschließend verformten die Forscher den CT-Datensatz eines modernen erwachsenen Spenders so, dass Schädel und innere Schädelhöhle möglichst genau an die fossile Geometrie angepasst wurden.
Für die Weichteile griffen die Autoren zusätzlich auf Referenzwerte heutiger Menschen afrikanischer Abstammung zurück, die Anhaltspunkte für die typische Dicke von Muskeln, Fett und Haut an bestimmten Schädelpunkten geben. Die Methode bleibt damit an Knochenform und Messwerten orientiert, kann aber biologische Details nicht zurückholen, die im Fossil nicht erhalten sind.
Als Nebenprodukt der Anpassung schätzte das Team das Volumen des Schädelinnenraums auf 1.364 Milliliter, nahe an einer früheren, direkt an den Fossildaten gewonnenen Schätzung von 1.375 Millilitern und innerhalb der Streuung heutiger Menschen. Dieser Abgleich stützt vor allem die Größenordnung des digitalen Modells, nicht die Sicherheit einzelner Gesichtszüge.
Die Forscher erzeugten deshalb zwei Bildserien, von denen eine graue, haarlose Variante den Zusammenhang zwischen Knochen und angenähertem Gesicht möglichst nüchtern zeigen soll. Eine zweite Version ergänzt Hautfarbe, Haare, Bart und Beleuchtung und wirkt dadurch wie das Porträt eines lebenden Menschen.
Gerade diese farbige Darstellung ist jedoch nur teilweise aus den Fossilien ableitbar, denn die Autoren kennzeichnen Pigmentierung, Haar und Bart ausdrücklich als künstlerische und spekulative Ergänzungen. Auch die Verwendung moderner Weichteildaten und der zusammengesetzte Schädel setzen der Aussagekraft Grenzen.