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Wie verbreitet war Gewalt in der skandinavischen Eisen- und Wikingerzeit?
Nicht alle Menschen der skandinavischen Eisen- und Wikingerzeit fanden ihre letzte Ruhe auf Friedhöfen. Eine neue Untersuchung menschlicher Überreste aus Häusern, Brunnen und Gruben weist bei zwölf Menschen insgesamt 19 Verletzungen nach. Mindestens acht von ihnen waren vermutlich gezielter Gewalt ausgesetzt. Die Funde zeigen ungewöhnliche Schicksale, verraten jedoch nicht, wer die Betroffenen verletzte und weshalb.
Kopenhagen (Dänemark). Die Eisen- und Wikingerzeit in Skandinavien gilt als Epoche von Kriegern, Konflikten und bewaffneten Raubzügen. Doch die Spuren solcher Auseinandersetzungen sind bislang vor allem auf regulären Gräberfeldern untersucht worden. Sie zeigen nur einen Ausschnitt der damaligen Gesellschaft, weil nicht jeder Tote in einem Grab bestattet wurde.
In Siedlungen stießen Archäologen immer wieder auf einzelne menschliche Knochen, Schädelteile oder sogar größere Skelettreste. Sie lagen unter Fußböden, in Brunnen, Gruben oder Pfostenlöchern. Wie solche ungewöhnlichen Fundorte mit den Lebensgeschichten der Verstorbenen zusammenhängen, war bisher kaum systematisch erforscht.
Forscher der University of Leicester um Dr. Veronica Tamorri haben nun menschliche Überreste aus Dänemark, Schweden und Norwegen untersucht. Die Studie umfasst Fundstellen aus rund 1.500 Jahren, von der vorrömischen Eisenzeit bis zum Ende der Wikingerzeit. Ziel war es, mögliche Gewaltverletzungen und den späteren Umgang mit den Toten gemeinsam zu betrachten.
Die Forscher erfassten Überreste von geschätzt 192 Menschen aus 197 Fundzusammenhängen innerhalb früherer Siedlungen. Einen Teil des Materials analysierten sie direkt an den Knochen, weitere Fälle anhand älterer Grabungsberichte. Dabei kombinierten sie Untersuchungen der Skelette mit DNA-Analysen, hochauflösenden Bildverfahren und archäologischen Datierungen.
Bei zwölf Menschen identifizierte das Team insgesamt 19 Verletzungen, die zu Lebzeiten oder ungefähr zum Todeszeitpunkt entstanden waren. Dazu zählen Hieb- und Schlagspuren am Schädel sowie Knochenbrüche, die auf Abwehrbewegungen hindeuten können. Mindestens acht, möglicherweise neun der zwölf Personen waren nach Einschätzung der Autoren absichtlicher Gewalt ausgesetzt. Bei anderen Verletzungen bleiben Unfälle eine mögliche Erklärung.
Besonders auffällig ist ein Schädelfragment aus einer eisenzeitlichen Siedlung bei Aalborg. Es stammt, wie die erneute Untersuchung einschließlich einer DNA-Analyse ergab, von einem zwei bis vier Jahre alten Jungen. Eine Verletzung am Stirnbein passt zu einem Hieb mit einem Schwert oder einer ähnlich schweren Klingenwaffe. Ob diese Verletzung den Tod verursachte, ist nicht sicher.
Nach dem Tod gelangte der Schädelteil zwischen zwei Fußbodenschichten eines Langhauses, in dem anschließend weiter Menschen lebten. Radiokarbondaten zufolge war der Knochen rund 200 Jahre älter als das Gebäude. Möglicherweise wurde er daher über längere Zeit aufbewahrt, bevor er unter dem Boden niedergelegt wurde. Was mit dem übrigen Körper geschah, ist unbekannt.
„Tag für Tag ging man über den Schädel eines Kindes“, erklärt Forschungsprofessorin Marianne Hem Eriksen vom National Museum of Denmark.
In einem Brunnen aus dem wikingerzeitlichen Aarhus fanden Archäologen den Schädel einer etwa 18 bis 25 Jahre alten Person. Zunächst hatte man sie anhand der Knochen als männlich eingestuft. Die genetische Untersuchung weist sie nun als weiblich aus. An ihrem Schädel fanden sich Verletzungen, die zu einer Klingenwaffe passen könnten. Auch hier lässt sich das Tatgeschehen nicht rekonstruieren.