// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Extrem salzarme Ernährung schadet dem Gedächtnis
Sehr salzreiche Nahrung gilt als Risiko für die Gesundheit. Doch auch eine extrem salzarme Ernährung beeinträchtigte in einem Experiment das Gedächtnis von Mäusen mit menschlichen Darmbakterien. Beide Futtervarianten veränderten die Darmflora und wichtige Proteine im Gehirn, allerdings auf unterschiedliche Weise. Ob solche Effekte auch beim Menschen auftreten, ist offen.
Hangzhou (China). Natrium aus Kochsalz ist für die Signalübertragung zwischen Nervenzellen unverzichtbar. Ein Zuviel erhöht dagegen den Blutdruck und begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Erwachsenen deshalb, weniger als fünf Gramm Salz täglich aufzunehmen.
Bereits frühere Tierversuche zu salzreicher Kost ließen vermuten, dass große Salzmengen auch das Lernen und Erinnern beeinträchtigen können. Weit weniger bekannt war bislang, was eine langfristige, besonders strenge Salzreduktion im Gehirn bewirkt und welche Rolle die Darmflora dabei spielt.
Forscher der Zhejiang University (ZJU) um Prof. Shiguo Chen haben dies nun an 32 männlichen Mäusen untersucht. Bei einem Teil der Tiere reduzierten sie die natürliche Darmflora durch eine Antibiotikabehandlung und besiedelten den Darm danach mit Mikroben aus Stuhlproben von zehn gesunden Menschen. Anschließend erhielten die Tiere 14 Wochen lang Futter mit unterschiedlichem Salzgehalt.
Eine Gruppe bekam Futter mit 0,1 Prozent Kochsalz, eine zweite 0,5 Prozent und eine dritte 8,0 Prozent. Eine zusätzliche Kontrollgruppe behielt ihre ursprüngliche Darmflora und eine normale Salzzufuhr. Die extremen Futterzusammensetzungen sollten deutliche biologische Unterschiede sichtbar machen, entsprechen aber nicht üblichen Ernährungsmustern beim Menschen.
Im Y-Labyrinth prüfte das Team, wie gut sich die Tiere an bereits besuchte Wege erinnerten. Mit einem weiteren Test erfassten die Forscher, ob die Mäuse einen neuen Gegenstand von einem bekannten unterscheiden konnten. In beiden Aufgaben schnitten die Gruppen mit besonders wenig oder besonders viel Salz schlechter ab als Tiere mit normalem Salzgehalt im Futter.
Parallel fanden die Wissenschaftler im Hippocampus, einer für Gedächtnisprozesse wichtigen Hirnregion, weniger Proteine, die für funktionierende Kontakte zwischen Nervenzellen bedeutsam sind. Dazu zählen Synapsin I, PSD95 und der Wachstumsfaktor BDNF. Auch die Aktivierung eines an Lernprozessen beteiligten Signalproteins namens CREB war vermindert.
Die Untersuchungen der Darmflora ergaben bei beiden Salzextremen eine veränderte Zusammensetzung der Bakterien. Außerdem waren die Mengen der kurzkettigen Fettsäuren Propionat und Butyrat verringert. Diese Stoffwechselprodukte entstehen, wenn Darmmikroben Nahrungsbestandteile abbauen, und können Signale zwischen Darm, Immunsystem und Gehirn beeinflussen.
Bei stark salzarmer Kost nahmen zusätzlich Acetat und Isobutyrat ab. Zugleich ließ sich im Blut keine Zunahme der untersuchten Entzündungsbotenstoffe feststellen. Die Gedächtnisprobleme gingen hier also vor allem mit einer verminderten Stoffwechselaktivität der Darmmikroben einher, nicht mit einer messbaren allgemeinen Entzündungsreaktion.
Das stark gesalzene Futter zeigte ein anderes Muster. Bei diesen Mäusen fanden die Forscher vermehrt Darmbakterien, die mit Entzündungen in Verbindung stehen, sowie erhöhte Entzündungsbotenstoffe im Blut. Im Darm traten zudem Veränderungen des Fettstoffwechsels und Hinweise auf oxidativen Stress auf. Die Tiere zeigten außerdem häufiger angstähnliches Verhalten.