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In Europa wurden erstmals mit Parasiten infizierte Tigermücken ausgesetzt
Mehr Mücken gegen die Mückenplage: In Barcelona werden jede Woche etwa 80.000 männliche Tigermücken freigelassen, die eine besondere Variante des Bakteriums Wolbachia tragen. Paaren sie sich mit wild lebenden Weibchen, entwickeln sich deren Eier nicht. Ein groß angelegter Feldversuch soll nun zeigen, wie stark sich dadurch die Mückenpopulation einer Großstadt eindämmen lässt.
Barcelona (Spanien). Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) hat sich in zahlreichen Regionen Europas etabliert. Ihr Stich ist nicht nur lästig: Unter geeigneten Bedingungen kann die Art auch Viren wie Dengue oder Chikungunya übertragen. Nach Daten des europäischen Seuchenschutzzentrums war sie im April 2026 bereits in 384 Verwaltungsregionen der EU und des Europäischen Wirtschaftsraums dauerhaft verbreitet.
Bislang setzen Städte vor allem darauf, Brutstätten zu beseitigen und Mückenlarven zu bekämpfen. Doch die Insekten vermehren sich selbst in kleinen Wasseransammlungen. Eine neue Strategie soll deshalb die Fortpflanzung direkt unterbrechen, ohne die Mücken mit einem Insektizid zu töten.
Dazu hat die Gesundheitsbehörde Agència de Salut Pública de Barcelona (ASPB) gemeinsam mit Partnern einen groß angelegten Feldversuch gestartet. Bei der sogenannten Inkompatiblen Insektentechnik werden eigens gezüchtete Tigermücken-Männchen ausgesetzt, deren Wolbachia-Bakterien nicht zu denen der wilden Weibchen passen. Diese Paarungen führen dazu, dass aus den abgelegten Eiern keine Jungmücken schlüpfen.
Wolbachia ist bei Insekten weit verbreitet. Auch wild lebende Tigermücken tragen normalerweise solche Bakterien, allerdings andere Varianten. Die freigelassenen Männchen stammen aus einer Laborlinie mit dem Bakterienstamm wPip, der ursprünglich aus einer anderen Stechmückenart stammt. Entscheidend ist damit die Unverträglichkeit der Varianten, nicht eine völlig neue Infektion zuvor bakterienfreier Tiere.
Die Mücken werden in großen Mengen gezüchtet. Mit automatisierten Verfahren, darunter eine durch künstliche Intelligenz unterstützte Geschlechtertrennung, sortieren die Partner anschließend die Männchen aus. Sie stechen nicht und können Menschen deshalb auch nicht durch einen Stich mit Mückenviren infizieren.
Nach Angaben der Gesundheitsbehörde werden wöchentlich ungefähr 80.000 dieser Männchen in Barcelona freigesetzt. Die Aktion läuft während der Tigermückensaison seit dem Sommer 2026. Laut einer Mitteilung der beteiligten Unternehmen wurden inzwischen mehr als 1,5 Millionen Tiere ausgebracht.
Untersucht werden zwei Freisetzungsflächen und eine Vergleichsfläche ohne entsprechende Aussetzungen. Ein Netz von Mückenfallen soll erfassen, wie sich Eier und Tiere während des Versuchs entwickeln. Ob die freigelassenen Männchen die wild lebenden Bestände in diesem städtischen Umfeld tatsächlich ausreichend zurückdrängen, ist jedoch noch offen.
Die Freisetzung ist somit kein bereits nachgewiesener Erfolg in Barcelona, sondern eine laufende Prüfung von Wirksamkeit und praktischer Durchführbarkeit. Auch die Frage, ob sich das Verfahren bei regelmäßiger Anwendung wirtschaftlich und dauerhaft einsetzen lässt, gehört zum Untersuchungsziel.
Die Idee wurde in Europa keineswegs erstmals in Barcelona getestet. Bereits 2018 setzten Forscher in Rom Tigermücken-Männchen mit inkompatiblen Wolbachia-Bakterien frei. Bei einem weiteren Versuch 2019 mit im Mittel rund 4.700 Männchen pro Woche beobachteten sie auf der behandelten Fläche weniger lebensfähige Eier als auf Vergleichsflächen. Eine später veröffentlichte Analyse schätzte die durchschnittliche Verringerung der Lebensfähigkeit auf etwa 35 Prozent.