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Vor 400 Jahren: Erster Unternehmenspsychopath der Welt identifiziert
Machtkampf nach dem Schiffbruch: Im Jahr 1629 errichtete ein Kaufmann unter den Überlebenden eines niederländischen Handelsschiffs eine brutale Schreckensherrschaft. Eine neue historische Fallanalyse erkennt in seinem Vorgehen alle zehn Merkmale, mit denen die Managementforschung sogenannte Unternehmenspsychopathen beschreibt. Die Einordnung liefert Hinweise auf frühe toxische Führung, ist aber keine klinische Diagnose.
Chelmsford (England). Schon früh verbanden sich in europäischen Handelskompanien wirtschaftliche Macht und koloniale Gewalt. Die 1602 gegründete Niederländische Ostindien-Kompanie (VOC) gilt als eine der ersten multinationalen Aktiengesellschaften. Wie gefährlich rücksichtsloses Führungsverhalten unter extremen Umständen werden kann, zeigt ein Fall aus ihrer Anfangszeit.
Im Juni 1629 lief das Handelsschiff Batavia vor der Westküste Australiens auf ein Riff. Nachdem die ranghöchsten Offiziere aufgebrochen waren, um Hilfe zu holen, blieben rund 200 Menschen auf abgelegenen Inseln zurück. Unter den Schiffbrüchigen übernahm der Kaufmann Jeronimus Cornelisz die Macht.
Der Managementforscher Dr. Clive Roland Boddy von der Anglia Ruskin University (ARU) hat diesen Fall nun anhand eines Kriterienkatalogs für psychopathische Merkmale im Berufsleben neu bewertet. Dazu verglich er überlieferte Verhaltensweisen mit zehn Merkmalen aus einem psychologischen Managementmodell. Neue Befragungen oder eigene psychologische Untersuchungen fanden dabei nicht statt.
Cornelisz war als Unterkaufmann bei der Handelskompanie beschäftigt und wurde nach dem Schiffbruch zum ranghöchsten verbliebenen Vertreter des Unternehmens. Doch anstatt die Überlebenden gemeinsam zu versorgen, baute er nach der historischen Überlieferung ein System persönlicher Gefolgschaft auf. Er ersetzte Mitglieder eines Führungsgremiums durch loyale Anhänger und verlangte Treueschwüre.
Mögliche Widersacher ließ er auf andere Inseln bringen, angeblich auf der Suche nach Trinkwasser. Auf der von ihm kontrollierten Insel hielt seine Gruppe Vorräte und Waffen unter Verschluss. Unter seiner Herrschaft ermordeten seine Gefolgsleute laut den ausgewerteten Berichten etwa 100 Männer, Frauen und Kinder. Hinzu kamen sexuelle Übergriffe auf überlebende Frauen.
Cornelisz begründete die Tötungen mit knappen Lebensmitteln und Wasserreserven. Boddy sieht darin allerdings nicht nur eine Reaktion auf den Mangel, sondern auch ein Mittel, Gegner auszuschalten und Angst zu verbreiten. Die späteren Gerichtsverfahren und archäologische Untersuchungen von menschlichen Überresten stützen wesentliche Teile der historischen Gewaltschilderungen.
Die neue Analyse nutzt die zehn Kriterien der „Psychopathy Measure, Management Research Version 2“ (PM-MRV2). Sie betreffen unter anderem oberflächlichen Charme, Manipulation, ausgeprägte Selbstbezogenheit, fehlendes Mitgefühl und ein rücksichtsloses Streben nach Macht. Boddy findet in den historischen Berichten Hinweise auf alle zehn untersuchten Verhaltensmuster.
Demnach versuchte Cornelisz, potenzielle Konkurrenten zu isolieren, Anhänger durch gemeinsame Verbrechen an sich zu binden und die übrigen Überlebenden einzuschüchtern. Das entspricht nach Boddys Interpretation Strategien, die auch bei destruktiver Führung in heutigen Unternehmen beschrieben werden. Der Befund bedeutet allerdings nicht, dass moderne Manager unter vergleichbaren Bedingungen dieselben Taten begehen würden.
Als Grundlage diente vor allem die historische Darstellung des Schriftstellers und Historikers Mike Dash. Hinzu kamen zeitgenössische Aufzeichnungen sowie ältere archäologische und rechtsmedizinische Untersuchungen. Der Forscher wertete somit bereits vorliegende Quellen neu aus, statt eine unabhängige Untersuchung mit einer Vergleichsstichprobe durchzuführen.