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Globale Erwärmung könnte eine beginnende Eiszeit gestoppt haben
Vor rund 2.000 Jahren begann der letzte Rest eines einst gewaltigen nordamerikanischen Eisschilds erneut zu wachsen. Datierungen eingeschlossener Pflanzen zeigen, dass diese Entwicklung bis etwa 1960 anhielt und dann in einen Rückzug überging. Die Forscher sehen darin Hinweise auf den ungewöhnlich frühen Beginn einer neuen Kaltzeit, den die heutige Erwärmung gestoppt haben könnte.
New York (U.S.A.). Die Erde befindet sich noch immer in einem Eiszeitalter, in dem sich ausgedehnte Kaltzeiten und wärmere Zwischenzeiten abwechseln. Die letzte große Kaltzeit endete vor rund 11.700 Jahren. Seitdem hat sich das nordamerikanische Inlandeis weitgehend zurückgezogen, doch ein kleiner Rest blieb in der kanadischen Arktis bestehen.
Diese Barnes-Eiskappe liegt auf der Baffin-Insel und ist der letzte Überrest des Laurentidischen Eisschilds. Dieser bedeckte während der vergangenen Kaltzeit große Teile Kanadas und der nördlichen USA. Heute umfasst die verbliebene Eiskappe nach Angaben der US-Raumfahrtbehörde NASA noch etwa 5.700 Quadratkilometer. Ausgerechnet dieses letzte Eisstück könnte nun eine überraschende Geschichte über den Beginn der nächsten Kaltzeit erzählen.
Forscher der Columbia University um Dr. Nicolás E. Young haben untersucht, ob der Eisschild zwischenzeitlich noch kleiner war als heute und später wieder wuchs. Dafür rekonstruierten sie die frühere Lage seiner Eisgrenze auf Baffin. Ihre Befunde widersprechen der Vorstellung, der Laurentidische Eisschild sei nach dem Ende der letzten Kaltzeit vollständig verschwunden.
„Die Leute sagen immer, er sei verschwunden, aber das stimmt nicht“, erklärt Dr. Nicolás E. Young.
Entscheidend für die Rekonstruktion ist eine Besonderheit der Barnes-Eiskappe. Ihr Eis haftet weitgehend am darunterliegenden Fels und gleitet nicht wie viele andere Gletscher über den Untergrund. Dadurch konnten Pflanzen, die einst an der Oberfläche wuchsen und später vom vorrückenden Eis eingeschlossen wurden, erhalten bleiben.
Seit sich die Eisgrenze wieder zurückzieht, kommen diese konservierten Pflanzenreste ans Licht. Die Wissenschaftler datierten sie mithilfe des radioaktiven Kohlenstoffisotops Kohlenstoff-14. Aus seinem Zerfall lässt sich ermitteln, wie lange die Pflanzen bereits abgestorben sind. Proben aus verschiedenen Bereichen der Barnes-Eiskappe und benachbarten, inzwischen geschmolzenen Eiskappen ergaben so eine zeitliche Abfolge früherer Eisvorstöße.
Demnach erreichte der Rest des Laurentidischen Eisschilds vor ungefähr 3.000 Jahren seine kleinste Ausdehnung. Etwa 1.000 Jahre später setzte ein erneutes Wachstum ein. Über rund zwei Jahrtausende schob sich die Eisgrenze wieder nach außen, ehe sich die Entwicklung um 1960 umkehrte. Heute zieht sich die Eiskappe zurück und legt zunehmend ehemals vereiste Flächen frei.
Die Autoren interpretieren das erneut einsetzende Wachstum als möglichen Auftakt einer neuen Kaltzeit. Damit setzen sie den Beginn nicht erst dann an, wenn bereits kontinentweite Eismassen entstanden sind, sondern schon beim nachweisbaren Wiederanwachsen eines verbliebenen Eisschilds. Frühere Modellrechnungen hatten einen solchen Übergang erst in mehreren Tausend oder sogar Zehntausenden Jahren erwartet.
Dieser Unterschied ist wichtig. Die Datierungen belegen zunächst die Geschichte eines arktischen Eisrests, nicht eine bereits ausgeprägte globale Kaltzeit. Dass daraus unter anderen Klimabedingungen wieder ein mächtiger Eisschild entstanden wäre, bleibt eine weitergehende Interpretation. Nach Einschätzung der Forscher hätte eine erneute kontinentweite Ausdehnung ungefähr 30.000 Jahre benötigt.