// SCINEXX — SPAZIO & SCIENZA
Europas Flüsse halten weit mehr Plastik zurück, als sie ins Meer spülen
Riesige Mengen Plastik gelangen jedes Jahr in Europas Umwelt, aber längst nicht alles wird über Flüsse ins Meer transportiert. Einer neuen Modellrechnung zufolge erreichten im Bezugsjahr 2015 nur rund 0,6 Prozent der angenommenen Kunststoffeinträge die Flussmündungen. Der weitaus größte Teil blieb an Land zurück oder wurde innerhalb der Flusssysteme zurückgehalten.
Wageningen (Niederlande). Flüsse gelten als wichtige Transportwege für Kunststoffabfälle, die vom Land in Richtung Meer gelangen. Wie viel davon tatsächlich bis zu den Flussmündungen gelangt, lässt sich jedoch nicht allein aus dem Müllaufkommen oder einzelnen Messungen im Wasser ableiten.
Plastikteile können bereits auf dem Weg zum Gewässer liegen bleiben oder an Ufern, Pflanzen und Hindernissen hängen bleiben. Dass Mikroplastik in Rhein und Donau weit verbreitet ist, wurde bereits durch frühere Messungen belegt. Für eine europäische Gesamtbilanz muss deshalb neben dem Abtransport auch der Rückhalt berücksichtigt werden.
Forscher der Wageningen University & Research (WUR) um Miranda Stibora haben dafür 8.671 Flusssysteme in Europa untersucht. Ihr räumlich aufgelöstes Modell berechnet, welche Anteile der Kunststoffeinträge an Land verbleiben, innerhalb der Flüsse zurückgehalten werden oder deren Mündungen erreichen.
Dabei unterscheidet die Untersuchung Mikroplastik von einem Mikrometer bis unter fünf Millimeter und größere Kunststoffteile. Grundlage sind geschätzte Einträge für das Jahr 2015 und Transportwahrscheinlichkeiten entlang der Fließwege. Zur Überprüfung nutzte das Team Messdaten aus 29 Flüssen für Mikroplastik und 36 Flüssen für größere Kunststoffteile.
Für 2015 ergibt das Modell rund 3,55 Millionen Tonnen Kunststoff, die in die europäische Umwelt gelangten. Davon blieben mehr als 93 Prozent auf dem Land, während gut sechs Prozent innerhalb der Flusssysteme zurückgehalten wurden. Nur etwa 0,6 Prozent erreichten rechnerisch die Mündungen.
Dieser Abtransport entspricht insgesamt rund 20.000 Tonnen, davon etwa 16.900 Tonnen Mikroplastik und 3.200 Tonnen größere Kunststoffteile. Innerhalb der Flüsse veranschlagt die Studie für dasselbe Jahr dagegen etwa 159.000 Tonnen zurückgehaltenes Mikroplastik und 67.400 Tonnen größere Plastikteile. Der berechnete Transport endet allerdings an der Flussmündung und ist nicht mit der tatsächlich im Meer ankommenden Menge gleichzusetzen.
„Flüsse sind mehr als bloße Transportwege für Plastik ins Meer. Der Blick muss sich auf das Plastik richten, das in Flusssystemen zurückbleibt“, erklärt Miranda Stibora.
Für eine neue Rangliste hat das Team sowohl den Export als auch den Rückhalt von Mikroplastik und größeren Kunststoffteilen berücksichtigt. Nach diesem kombinierten Maß liegt der Kurbagalı Dere in der Türkei vorn, gefolgt von der Weichsel in Polen und dem Rhein. Beim modellierten Rückhalt von Mikroplastik nimmt der Rhein sogar den ersten Platz ein.
Große Flusseinzugsgebiete fallen vor allem durch hohe absolute Kunststoffmengen auf. Bezogen auf die Bevölkerung können aber auch kleinere Küstenflüsse besonders belastet sein, wenn große Eintragsquellen nahe an ihrer Mündung liegen. Der Blick nur auf die größten Flüsse würde solche regionalen Schwerpunkte übersehen.