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Wie viel Wasser entziehen Landwirtschaft und Forstwirtschaft der Natur wirklich?
Überraschender Unterschied: Landwirtschaft und Forstwirtschaft verbrauchen nicht jedes Regenwasser zulasten natürlicher Ökosysteme. Eine neue Berechnung für Südchile unterscheidet zwischen dem Wasser, das Pflanzen nutzen, und jenem Anteil, den menschliche Landnutzung natürlichen Abflüssen zusätzlich entzieht. Dadurch fällt der ermittelte Wasserfußabdruck 2,7-mal kleiner aus als mit dem üblichen Verfahren.
Chillán (Chile). Für Obst, Getreide und Holz wird Wasser benötigt, das Pflanzen entweder aus Niederschlägen aufnehmen oder über Bewässerung erhalten. Wie stark diese Nutzung den natürlichen Wasserkreislauf beeinträchtigt, lässt sich aber nicht allein an der verdunsteten Wassermenge ablesen. Denn auch unberührte Wälder und andere natürliche Pflanzengemeinschaften nehmen Regenwasser auf und geben es an die Luft ab.
Beim üblichen Wasserfußabdruck wird das von Kulturpflanzen verbrauchte Regenwasser vollständig der landwirtschaftlichen Produktion zugerechnet. Damit bleibt offen, wie viel Wasser ohne Landwirtschaft oder Forstplantagen ebenfalls verdunstet wäre. Eine neue Bilanz versucht deshalb, jenen Anteil zu isolieren, der erst durch die Umwandlung natürlicher Flächen zusätzlich dem Abfluss und der Versickerung entzogen wird.
Forscher der Universidad del Bío-Bío (UBB) um Dr. Patricio Neumann-Langdon haben dafür den Wasserfußabdruck mit einem Ansatz zur menschlichen Aneignung biologischer Produktion verknüpft. Die Berechnung erfasst weiterhin das sogenannte blaue Wasser, das Pflanzen zur Bewässerung benötigen. Beim grünen Wasser zählt sie jedoch nur den zusätzlichen Regenwasserverbrauch infolge der Umwandlung natürlicher Vegetation in Äcker oder Plantagen.
Für den Vergleich betrachtete das Team 149 Gemeinden in fünf Regionen Süd- und Zentralchiles und berücksichtigte 100 Anbaukulturen einschließlich Forstplantagen. Grundlage waren Daten aus den Jahren 2021 und 2022 zu Klima, Anbauflächen, Erträgen und Exporten. Der graue Wasserfußabdruck, eine rechnerische Größe zur Verdünnung von Schadstoffen, blieb außen vor, weil er keine tatsächlich angeeignete Wassermenge beschreibt.
Dem neuen Modell zufolge beanspruchen Landwirtschaft und Forstwirtschaft im Untersuchungsgebiet jährlich rund 5,023 Milliarden Kubikmeter Wasser. Das sind 2,7-mal weniger als in der herkömmlichen Bilanz. Rund 60,8 Prozent entfallen auf blaues Wasser und 39,2 Prozent auf den zusätzlich beanspruchten Anteil des Regenwassers.
Der Unterschied entsteht vor allem beim Regenwasser: Hier liegt der neue Schätzwert um den Faktor 5,3 unter der konventionellen Berechnung. Bei zahlreichen Ackerkulturen ergab das Modell keinen zusätzlichen Regenwasserentzug, weil die ersetzte natürliche Vegetation eine vergleichbare Wassermenge verdunstet hätte. Dagegen stachen Kiefern- und Eukalyptusplantagen hervor, denen das Modell größere Veränderungen des natürlichen Wasserabflusses zuschreibt.
Der niedrigere Wert bedeutet allerdings nicht, dass in Südchile tatsächlich weniger Wasser verbraucht wird als zuvor angenommen. Er entsteht, weil das neue Verfahren eine andere Frage beantwortet: Nicht die gesamte Verdunstung von Anbaupflanzen zählt, sondern nur der gegenüber einer natürlichen Vegetationsdecke zusätzlich beanspruchte Anteil.
Zudem ordnet das neue Verfahren rund 2,249 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr dem Export land- und forstwirtschaftlicher Erzeugnisse zu. Das entspricht 44,8 Prozent des neu berechneten Gesamtwerts. China und die USA gehören zu den wichtigsten Absatzmärkten, unter anderem für Obst, Wein, Zellstoff und Holz.
Dieses „virtuelle Wasser“ wird nicht als Wassermenge mit den Waren verschifft. Gemeint ist die rechnerisch der Produktion zugerechnete Wasseraneignung am Herstellungsort. So verbindet die internationale Nachfrage den Konsum anderswo mit möglichen Veränderungen der Wasserverfügbarkeit in den Erzeugerregionen.