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RIPE-Mitglieder diskutieren über Abhängigkeit von US-Internetinfrastruktur
Eine Domainsperre sorgt beim RIPE-Treffen für Diskussionen: Wie können sich Betreiber gegen erratische US-Sanktionen wappnen?
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Müssen in den Zeiten erratisch verhängter US-Sanktionen Risiken für Provider technischer Basisinfrastrukturen neu bewertet werden? Beim 93. Treffen der IP-Adressregistry RIPE (Réseaux IP Européens) in Sofia diese Woche rieten viele Mitglieder dazu, Abhängigkeiten zu klären und, wo möglich, abzubauen. RIPE verwaltet IP-Adressen für den Raum Europa, den Nahen Osten und Zentralasien. Das Problem: Kerninfrastruktur wie die zentrale Root Zone des Domain Name System und viele große Registries unterstehen US-Recht.
Die Sperrung der Domain des italienischen Providers Autistici/Inventati im Sommer durch die org-Registry Public Internet Registry (PIR) zeigt laut Timo Hilbrink vom niederländischen Provider Freedom Internet, wie dringlich die Debatte ist. Die italienische NGO wurde am 26. August 2026 vom Office of Foreign Assets Control (OFAC) des US-Finanzministeriums als Specially Designated Global Terrorist (SDGT) eingestuft und auf die US-Sanktionsliste gesetzt. Mit einem Schlag waren 10.000 Blogs, 1500 Webseiten und 16.000 Mailboxen aus dem Netz getilgt.
Nachdem die Hausbank des Providers, die Banca Etica, Anfang September aus Sorge vor möglichen US-Sekundärsanktionen die Konten sperrte, beschloss der Provider, seine Dienste einzustellen.
Vor zwei Wochen beschlagnahmte die niederländische Polizei schließlich noch einen Server in einem Rechenzentrum in Amsterdam Science Park, der angeblich Autistici/Inventati gehören soll. Das FBI hatte um Amtshilfe gebeten, berichtete Hilbrink.
Die Mitglieder des RIPE müssten dringend überlegen, wie sie sich selbst gegen mögliche Sanktionen wappnen. „Wir dürfen nicht vergessen, Autistici war keine politische Organisation, sondern ein Service Provider,“ so Hilbrink. Das RIPE selbst könnte etwa als Provider von IP-Adressen für den Iran schnell ins Fadenkreuz geraten. Was würde passieren, wenn das RIPE seine Hauptdomain ripe.net verlöre? Auch die Registry von .net oder .com, Verisign, ist US-Recht unterworfen und müsste Sanktionen umsetzen.
Die Weigerung, gesetzliche Sanktionen umzusetzen, hätte PIR „einem erheblichen strafrechtlichen und zivilrechtlichen Risiko“ ausgesetzt, schrieb Sally Wentworth, CEO der Internet Society, Anfang Oktober entschuldigend. Die Organisation, die sich als globale Nutzerorganisation für das Internet versteht, betreibt PIR seit 2002, eigentlich als digitale Heimat für Organisationen weltweit. Man nehme die vielen bei der ISOC eingegangenen kritischen Fragen und Bedenken ernst, so Wentworth weiter. Eine echte Antwort auf die Fragen, wie man Nutzer weltweit gegen überbordende und unverhältnismäßige Sanktionen schützen kann, hatte die ISOC-Chefin aber nicht.
Italiens ISOC-Chapter hatte angeregt, über einen anderen Standort nachzudenken, eine Idee, die auch für zentrale Organisationen der Internet-Infrastruktur wie die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) oder die im Rahmen der ICANN-Struktur wahrgenommenen Funktionen der Internet Assigned Numbers Authority (IANA) in der Vergangenheit bereits gefordert wurde.
Beim RIPE-Treffen in Sofia wurde intensiv diskutiert, wie man sich praktisch wappnen könnte. Ein Umzug der RIPE-Domain von ripe.net unter das Dach der von der niederländischen Stiftung SIDN betriebenen .nl, also zu ripe.nl? „Was, wenn man dann SIDN verfolgt?“, fragte Babak Farrokhi vom Resolverbetreiber Quad9. „Müssen wir vielleicht anfangen, Kryptowährungen zu akzeptieren und Onion-Server zu nutzen?“, so seine Frage.