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280 Gravuren aus der Eiszeit in Katalonien entdeckt
In Katalonien galt eiszeitliche Höhlenkunst bisher als selten. Eine nun umfassend untersuchte Bildergalerie in der Cova de la Font Major umfasst 280 Ritzmotive, darunter 55 Tierdarstellungen. Der Fund gehört damit zu den größten bekannten Ensembles an der iberischen Mittelmeerküste und zeigt, dass vermeintliche Lücken der prähistorischen Kunst auch auf übersehene Spuren zurückgehen können.
Tarragona (Spanien). Die Iberische Halbinsel gehört zu den wichtigsten Fundregionen eiszeitlicher Höhlenkunst, doch die Funde verteilen sich äußerst ungleich. Während im Norden und Süden zahlreiche bemalte und gravierte Höhlen bekannt sind, gab es aus Katalonien bisher nur zwei isolierte, teils umstrittene Darstellungen.
Die Cova de la Font Major bei L’Espluga de Francolí galt lange nicht als aussichtsreicher Ort für Felskunst. Ihre Wände bestehen überwiegend aus unregelmäßigem Gestein, und Tausende Besucher gingen seit den 1950er Jahren an den später erkannten Gravuren vorbei.
Forscher des Institut Català de Paleoecologia Humana i Evolució Social (IPHES-CERCA) um Dr. Josep Maria Vergès Bosch haben die 2019 entdeckten Ritzzeichnungen nun systematisch erfasst. Die Studie verzeichnet 280 grafische Motive in fünf Abschnitten der Gatoneres de Cal Palletes, einem Seitenbereich etwa 250 Meter vom heutigen Höhleneingang entfernt.
Dort durchziehen weiche Mergelschichten das gröbere Kalkkonglomerat der Höhle und bieten trotz der unregelmäßigen Wände Flächen für feine Ritzungen. Die meisten Rillen sind nur drei bis sieben Millimeter breit, wie hochauflösende dreidimensionale Modelle der Wände zeigen. Sie wurden vor allem eingeritzt, seltener durch Schaben erzeugt.
Besonders auffällig ist, dass die Höhle schon seit 1957 wieder öffentlich zugänglich war und 1993 zur touristischen Attraktion wurde. Erst am 30. Oktober 2019 fielen zwischen jüngeren Namensinschriften und Graffiti Ritzlinien mit Merkmalen eiszeitlicher Kunst auf.
Unter den 280 Motiven sind 55 Tierdarstellungen, darunter Pferde, Hirsche, Ziegenartige und Auerochsen. Eine ungewöhnliche Bärendarstellung sticht heraus. Viele Tiere sind nur durch einfache Umrisslinien angedeutet. Rund 30 Prozent lassen sich keiner Tiergruppe sicher zuordnen, weitere 15 Prozent bleiben zwischen zwei Tiergruppen unentschieden.
Die Mehrzahl der Motive ist jedoch nicht gegenständlich. Häufig sind zwei bis vier parallele Linien und größere Gruppen aus bis zu 40 Strichen zu sehen, während andere Zeichen Kreise, Halbkreise oder viereckige Formen bilden. Bei manchen Tierbildern könnten natürliche Kanten und Risse der Höhlenwand bewusst in die Darstellung einbezogen worden sein.
Im Vergleich zu anderen Fundorten an der iberischen Mittelmeerküste ist vor allem die Zahl der Tierfiguren bemerkenswert. Rund drei Viertel der dort bekannten Höhlenkunst-Ensembles besitzen höchstens fünf Tierbilder und mehr als 90 Prozent höchstens 20. Mit 55 Tierdarstellungen liegt die Cova de la Font Major nach dieser Zählweise an dritter Stelle.
Wie alt die Gravuren im Einzelnen sind, lässt sich bislang nicht direkt bestimmen. Radiokarbondaten von Holzkohle belegen menschliche Anwesenheit in tieferen Höhlenbereichen in mehreren Phasen zwischen rund 40.800 und 25.800 Jahren vor heute. Sie datieren jedoch nicht die in die Wände geritzten Motive selbst.