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Bleigeschosse verraten Roms Marschrouten durch die Alpen
Römische Schleuderbleie aus dem Surses in der Schweiz tragen noch heute die chemische Signatur ihres Rohstoffs. Eine Isotopenanalyse zeigt, dass die Geschosse bei Crap Ses überwiegend aus einem gemischten Bleivorrat mit Hauptanteil aus Südostiberien gefertigt wurden. Sie unterscheiden sich deutlich von sieben Funden weiter nördlich, was auf einen anderen Vorstoß oder eine getrennte Versorgung hindeutet.
Chur (Schweiz). In den Jahren 16/15 v. Chr. stießen römische Truppen während der Alpenfeldzüge des Augustus in mehrere Richtungen nach Norden vor, während historische Berichte über einzelne Gefechte auf der Route durch Graubünden fehlen. Archäologische Funde zeichnen diesen Vormarsch dennoch nach, denn rund um die Crap Ses-Schlucht kamen hunderte Schuhnägel, Schleudergeschosse, Pfeilspitzen und weitere Militaria ans Licht. Der Archäologische Dienst Graubünden (ADG) konnte den Weg einer römischen Einheit bereits von der Mera-Ebene südlich von Chiavenna über den Septimerpass bis in den Bereich von Crap Ses über rund 60 Kilometer verfolgen.
Auch die beteiligten Verbände hinterließen Spuren, denn nach Angaben des ADG sprechen die Funde dafür, dass Teile der 3., 10. und 12. Legion auf dieser Route marschierten. Ein internationales Forscherteam hat nun untersucht, ob die chemische Zusammensetzung der Bleigeschosse zusätzliche Hinweise auf Nachschub und Marschbewegungen liefern kann. Dazu analysierte es 40 Schleuderbleie und zwei Bleilote aus dem Konfliktgebiet bei Crap Ses sowie sieben Geschosse aus Brigantium, dem heutigen Bregenz, und Tasgetium, dem heutigen Eschenz.
Entscheidend sind die Verhältnisse verschiedener Bleiisotope, die sich je nach geologischer Herkunft des Metalls unterscheiden, und die Werte der Surses-Funde sprechen für einen gemeinsamen gemischten Vorrat. Dessen Hauptanteil stammt laut Analyse aus dem Almería-Cartagena-Vulkangürtel im Südosten der Iberischen Halbinsel. Hinzu kam Blei, das zu Lagerstätten der Ossa-Morena-Zone oder der Zentraliberischen Zone, zum Iberischen Pyritgürtel oder zum französischen Zentralmassiv passt.
Die Forscher werten dieses Muster als Hinweis auf eine zentralisierte Herstellung der Munition aus einem über größere Entfernung bereitgestellten und offenbar gemeinsam verarbeiteten Rohstoffvorrat. Damit wurden die Geschosse bei Crap Ses demnach nicht einfach aus beliebigen lokalen Metallquellen gefertigt. Weil mehrere Herkunftsregionen in der Mischung stecken, lässt sich zwar nicht jedem einzelnen Geschoss eine einzige Mine zuordnen, doch das gemeinsame Isotopenmuster der Gruppe ist deutlich.
Bei den sieben Geschossen aus Bregenz und Eschenz zeigen die klar abweichenden Isotopensignaturen dagegen einen separaten Metallvorrat. Für dieses Blei kommen nach der Studie die Ossa-Morena-Zone oder die Zentraliberische Zone, der Iberische Pyritgürtel und möglicherweise das französische Zentralmassiv infrage. Der für Crap Ses charakteristische starke Anteil aus Südostiberien fehlt in dieser Gruppe.
Damit lässt sich eine einfache Fortsetzung desselben Munitionsvorrats nach Norden nicht erkennen, weshalb die Autoren einen Zusammenhang der nördlichen Geschosse mit einem anderen römischen Vorstoß für wahrscheinlich halten. Die Isotopenwerte allein verraten allerdings weder die konkrete Einheit noch den genauen Zeitpunkt einer möglichen Neuversorgung. Sie liefern also keine vollständige Marschkarte, können aber als zusätzlicher chemischer Wegmarker dienen.
Gerade darin liegt die größere Bedeutung der Untersuchung, denn Schleuderbleie sind bewegliche militärische Verbrauchsgüter, deren Metallzusammensetzung Informationen über Herstellung und Versorgung speichern kann. Wenn an mehreren Fundorten identische oder deutlich verschiedene Isotopenmuster auftreten, lassen sich archäologische Routenhypothesen prüfen, ohne allein auf Form oder Fundlage der Geschosse angewiesen zu sein. Die Methode kann damit bestehende archäologische Spuren ergänzen, nicht aber für sich allein eine Truppenbewegung beweisen.